Rede: Zum Volkstrauertag 2011

von david (Kommentare: 0)

Rede zum Volkstrauertag 2011 am Ehrenmal in Ründeroth

„Die Toten brauchen keine Fahnen, sondern unser Gedächtnis“ bekundete es der spanische Schriftsteller Jorge Semprun, der einst Häftling im Konzentrationslager Buchenwald war. Ich möchte Ihnen daher Dankeschön sagen. Dafür, dass sie heute zu unserer kleinen Gedenkfeier am Volkstrauertag hier zum Ründerother Ehrenmal gekommen sind und damit deutlich machen, dass Sie die Toten in ihrem Gedächtnis bewahren. Gemeinsam setzen wir damit ein Zeichen gegen das Vergessen!

Erinnerung, Anteilnahme, Betroffenheit: Mitgefühl braucht konkrete Bezugspunkte, braucht Gesichter und persönliche Empfindungen. Dies habe ich selbst eindrucksvoll feststellen können, als ich im Sommer bei einer Informationsfahrt des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge zusammen mit anderen Bürgermeisterkollegen die großen Soldatenfriedhöfe des 1. und 2. Weltkrieges in Holland und Belgien besucht habe. Unweit der deutschen Grenze liegt bei Hombourg die amerikanische Kriegsgräberstätte „Henri – Chapelle“, in der über 8000 Gefallene des Zweiten Weltkrieges ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Als ich dort durch die Reihen der mit Namen versehenen Erinnerungsstelen ging, fiel mir auf, dass an einer Stelle der gleiche Nachname nebeneinander zu lesen war. Es waren tatsächlich zwei Brüder, 20 und 22 Jahre alt, die als amerikanische Soldaten im Abstand weniger Tage während der Ardennenoffensive gefallen sind. Wie müssen die Eltern gefühlt haben, als sie erfahren haben, dass ihre beiden Jungen nicht mehr da sind. So viele Tote, so viel Leid, und doch sind es die Schicksale Einzelner, die uns besonders berühren.

Erinnerungskultur muss vermittelt, ja vorgelebt werden. So ist es für englische Schulkinder Pflicht, die Schlachtfelder und Kriegsgräberstätten des 1. Weltkriegs in Flandern zu besuchen.

Als ich dort unter den Bäumen des deutschen Soldatenfriedhofs „Langemark“ stand, fielen mir sofort eine Reihe von Schleifen und stilisierte  Mohnblumen aus Papier auf. Sie waren von englischen Schülern auf die Gräber gelegt worden. Wohlgemerkt: auf einem deutschen Soldatenfriedhof. Das hat mir sehr deutlich gemacht, was der Ausdruck „Versöhnung über den Gräbern“ bedeuten kann.

Lassen Sie uns deshalb nie vergessen, was es heißt, in den Krieg ziehen zu müssen und in Schlachten verheizt zu werden, was es heißt, vor Bombenangriffen zu zittern oder seine Heimat zu verlieren, was es heißt, auf Schritt und Tritt Willkür, Verfolgung und Bedrohung von Leib und Leben ausgesetzt zu sein.

 

Wir denken heute

an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken

der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer,

die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem andern Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer,

die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern

um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und andere Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

Wir gedenken heute auch derer,

die bei uns durch Hass- und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.

Wir trauern mit allen, die Leid tragen um die Toten.

Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unserer Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.

Der Blick in die Geschichte des 20. Jahrhunderts wie in die jüngste Vergangenheit, er zeigt, dass Frieden, Freiheit und Mitmenschlichkeit keine Selbstverständlichkeiten sind. Diese Werte müssen errungen – und sie müssen bewahrt werden. Sie brauchen Menschen und Staaten, die für sie eintreten. Und deshalb brauchen wir die Erinnerung.

Mit unserem heutigen Gedenken bekunden wir, nicht wegzusehen, wenn irgendwo Unrecht geschieht oder Blut vergossen wird. Gewiss, wir können nicht alle Konflikte lösen. Frieden braucht die Bereitschaft der Konfliktbeteiligten, sich zu verständigen; die Wahrung der Menschenrechte braucht den Willen aller, sie zu schützen. Aber wir müssen uns als Einzelpersonen wie als Gesellschaft und als Staat, stets für friedliche Lösungen und Mitmenschlichkeit einsetzen. Und indem wir die Toten in unserem Gedächtnis bewahren, nehmen wir die Verpflichtung an, für Frieden und Menschenrechte zu wirken.

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